Europa stösst an die Grenzen des einst inspirierenden US-Modells

Im Laufe der Zeit hat sich diese Freiheit in eine soziale Norm verwandelt. © iStock

Im Laufe der Zeit hat sich diese Freiheit in eine soziale Norm verwandelt. © iStock

Um die Kohäsion des Projekts der europäischen Integration zu bewahren, sollte die von der Europäischen Union propagierte Hypermobilität kritisch hinterfragt werden. Dies machen drei Forschende in einem Aufsatz auf Grundlage stadtsoziologischer Studien der EPFL deutlich.

Die Europäische Union (EU) benötigt ein neues, über den aktuellen Rahmen hinausgehendes Modell, um Risiken für Bewegungsbeschränkungen und Grenzschliessungen zu vermeiden. Sonst kommt es vergleichbar mit dem Brexit zu weiteren EU-Austritten. Zu diesem Schluss kommen drei einschlägige Expertinnen und Experten in einem soeben erschienenen Essay mit dem Titel: Europe Beyond Mobility, Mobilities, Social Cohesion and Political Integration (Routledge). Eingedenk der Feststellung, dass Mobilität derzeit ein Kernanliegen der Allgemeinheit darstellt, regen die Forschenden eine fundamentale Reflexion zu dieser Frage an und entwickeln das Konzept der sogenannten «sinngebenden Mobilität». Ziel ist die Erforschung neuer Modelle, die die negativen Auswirkungen von Mobilität in sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Hinsicht begrenzen.

Folglich versteht sich der Aufsatz als innovativer Rahmen für die Untersuchung der Globalisierung und als Denkanstoss für ein neues europäisches Integrationsprojekt. Die Autoren, Ander Audikana, Post-Doktorand am Zentrum für angewandte Ethik der Universität Deusto in Spanien, sowie Vincent Kaufmann und Guillaume Drevon, die beide im Labor für Stadtsoziologie (LASUR) der EPFL forschen, richten sich mit ihren Erkenntnissen an die politischen Entscheidungsträger der EU, Fachleute für Mobilität und die Forschungsgemeinschaft. Das Werk umfasst zwei Forschungsprojekte des LASUR sowie einen 2017 erschienenen Aufsatz (Les Cahiers Rouges) (EPFL Actualités 22.02.2017).

Sie zeigen mit zwei Kapiteln in Ihrem Aufsatz, dass die «Personenfreizügigkeit» in 15 Jahren zu einer häufig als Zwang empfundenen «Bewegungspflicht» mutiert ist. Wie konnte es so weit kommen?

Vincent Kaufmann: Die Europäische Union wurde auf Grundlage der Freizügigkeit und Auswanderungsfreiheit errichtet. Letztere stützt sich auf Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Im Laufe der Zeit hat sich diese Freiheit in eine soziale Norm verwandelt. Dieser Trend hat sich in den letzten 20 Jahren globalisierungsbedingt noch verstärkt. Unsere Arbeit zu den «wesentlichen Motiven» zeigt, dass schnelles Reisen zu entlegenen Orten inzwischen als Sinnbild für Dynamik und berufliche Motivation gilt. Diese Erfahrungen sollen inzwischen auch Führungskräfte formen und inspirieren, die ihre Tätigkeit so mit mehr Ideen und Innovation unterlegen sollen. Im Freizeitbereich gehören Fernreisen in den Ferien in bestimmten sozioökonomischen Kreisen inzwischen zum Pflichtprogramm. Paradoxerweise läuft Freiheit für diese darauf hinaus, rasches und häufiges Reisen zu vermeiden.

Die Studie über Grenzgängerinnen und Grenzgänger hat Ihnen als Experimentierfeld gedient, um die in Europa durch Mobilität verursachten Probleme zu verstehen. Zu welchem Ergebnis sind Sie dabei gelangt?

Guillaume Drevon: Grenzüberschreitende Ballungszentren eignen sich besonders gut, um die europäische Integration und Kohäsion zu untersuchen, zumal sich die Herausforderungen im Rahmen einer gemeinsamen Lebensgrundlage und im Alltag herauskristallisieren. Zunächst ist festzuhalten, dass ausgeprägte Ströme von Grenzgängerinnen und Grenzgängern keinesfalls eine sozial erfolgreiche Integration oder ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Grenzregion implizieren. So zeigt sich am Beispiel der Genfer Grossregion oder der Grenzregion um Luxemburg – die ich beide eingehend untersucht habe –, dass dies- und jenseits der Grenze ein starkes Wirtschaftsgefälle besteht, das insbesondere der wirtschaftlichen Ungleichheit geschuldet ist. Beispielsweise ist das Leben in diesen Ländern nur mit einem in der Schweiz oder Luxemburg üblichen Gehalt möglich. Die Folge ist, dass Geringverdienende an der Grenze zurückgedrängt werden und sich beispielsweise im französischen Nachbarland ansiedeln müssen, so wie im Falle der Genfer Grossregion. Diese Ungleichheiten an der Grenze können Populismus und ausgeprägten Konflikten Tür und Tor öffnen. Hinzu kommt, dass diese Regionen fragil sind, zumal bereits die geringste Krise – wie 2015 durch die Attentate in Frankreich oder die COVID-19-Epidemie – dazu führen kann, dass Grenzen wieder hochgezogen, ja sogar geschlossen werden. Die globalen Herausforderungen in Zusammenhang mit Klima und Raumplanung, die die Integration eigentlich fördern könnten, werden nicht auf regionaler Ebene angegangen. Denn alle Beteiligten klammern sich an die mit ihrer Region verbundenen Privilegien und Befugnisse.

Wie liesse sich die Lage dieser Grenzregionen verbessern?

Guillaume Drevon: Nach unserer Einschätzung besteht die Antwort auf diese Herausforderungen teilweise darin, ein Zugehörigkeitsgefühl und eine grenzübergreifende Bindung hervorzurufen, wodurch grenzübergreifende Gemeinsamkeiten entstehen könnten, die zur Bildung einer Gesellschaft jenseits nationaler Grenzen führen würden. Ein solches Gefühl könnte durch die Errichtung von Infrastrukturen wie dem Nahverkehrsnetz Léman Express, das die Freizeitgestaltung dies- und jenseits der Grenzen ermöglicht, oder durch gemeinsame Sport- und Kulturveranstaltungen, wie das Paléo Festival oder länderübergreifende Sportvereine, bestärkt werden. Auch gemeinsame Medienkanäle könnten in dieser Hinsicht hilfreich sein.

Unsere Arbeit zu den «wesentlichen Motiven» zeigt, dass schnelles Reisen zu entlegenen Orten inzwischen als Sinnbild für Dynamik und berufliche Motivation gilt.

Vincent Kaufmann, ausserordentlicher Professor, Labor für Stadtsoziologie (LASUR)

Um die Defizite ihres aktuellen Modells auszumerzen, fordern Sie die EU auf, sich einer «sinngebenden Mobilität» zu verschreiben. Was verstehen Sie darunter?

Ander Audikana: Eine «sinngebende Mobilität» ist eine Mobilität, die per se zu einem Sinn beiträgt und über das Konzept von Bewegung hinausgeht. Sie setzt sich aus drei Komponenten zusammen. Sie ist keinesfalls ein utopisches Konzept, sondern steht für einen realistischen und nicht ideologisch eingefärbten Ansatz für Mobilität. Im Folgenden muss im Rahmen dieses realistischen Ansatzes sehr konkret die Frage gestellt werden, wie die mit den verschiedenen Mobilitätsströmen verbundenen Vor- und Nachteile in unseren Gesellschaften verteilt werden. Ohne Frage hat Mobilität eine Seite, die «erduldet» wird und kontraproduktiv ist. Schlussendlich konzentriert sich dieses Konzept auf die Qualität des Aufeinandertreffens oder des Austausches, der als Folge dieser Verschiebung oder Bewegung im Raum entsteht. Nach unserer Einschätzung diente die Reflexion über Mobilität häufig als Vorwand, um die inhärente Komplexität dieses Auseinandertreffens oder dieser Austausche zu umgehen. Im Übrigen ist der Widerspruch zwischen einem Prinzip der Hypermobilität, die in der EU intern propagiert wird, und der äusserst ausgeprägten Strategie, sich von bestimmten äusseren Strömen fernzuhalten, äusserst bemerkenswert.

Im letzten Teil des Aufsatzes analysieren Sie Bewegungen gegen Mobilität und beleuchten dies mit Blick auf die Schweizer Politik. Inwiefern könnte die Analyse der Personenfreizügigkeit in der Schweiz als Blaupause für eine Überarbeitung des Projekts der europäischen Integration dienen?

Vincent Kaufmann: Die Schweiz hat in dieser Hinsicht ein doppeltes Interesse. Zum einen ist sie mit ihren vier Landessprachen, ihrer Aufteilung in Städte und ländliche Gebiete und ihren katholischen und protestantischen Kantonen so etwas wie ein Europa im Kleinformat. Andererseits geben Volksabstimmungen Gelegenheit für Debatten, die zeigen, wie es um die Stimmung mit Blick auf Mobilitätsfragen bestellt ist. Wir stellen die These auf, dass eine Volksbefragung unter Europäerinnen und Europäer in die gleichen Ergebnisse münden würde wie eine Befragung in der Schweiz zum selben Thema.

Nach Ihrer Auffassung stellt Europa heutzutage einen Stadtkontinent dar. Inwieweit offenbart das Problem der Mobilität, wenn es denn über diese Metapher angegangen wird, die damit verbundenen Herausforderungen?

Vincent Kaufmann: Wir haben unsere Erkenntnisse über die Stadt auf Europa angewandt und festgestellt, dass diese Analogie funktioniert. Vergleichbar mit einer Stadt entstehen in Europa beispielsweise eigene «gated communities», wie der Brexit oder die katalanische Unabhängigkeitsbewegung zeigen. Doch der Irrtum bestand eben gerade darin, Europa als eine einzige Stadtregion zu betrachten. Wenn im Norden eine Stelle frei ist, muss man diese nur antreten. Das führt zu einem unklaren Verständnis der Dimensionen. Europa stösst an die Grenzen des US-amerikanischen Modells, das einst Vorbild war. Denn die Vereinigten Staaten von Amerika bilden ein einziges Land mit einer von der Mehrheit gesprochenen Sprache und einem einheitlichen Gesundheitssystem. Europa verhält sich also so, als wäre es eine grosse Stadt, und ignoriert die inhärenten Beschränkungen.

Funding

Schweizerischer Nationalfonds: Stipendium 179555