Was Stadt Zürich bei ihrer Entwicklung der Einwanderung verdankt

Mathias Lerch arbeitet seit 2021 an der EPFL. © Alain Herzog / 2022 EPFL

Mathias Lerch arbeitet seit 2021 an der EPFL. © Alain Herzog / 2022 EPFL

Der Demograf und Migrationsexperte Mathias Lerch konnte aufzeigen, dass die Stadt Zürich ihre Entwicklung im Industriezeitalter sowohl der internationalen Einwanderung als auch der Landflucht zu verdanken hat. Nun will der EPFL-Forscher mit seiner Methode die wachsenden Städte in Subsahara-Afrika untersuchen.

«Die Rolle der internationalen Migration wird in demografischen Studien oft vernachlässigt», stellte Mathias Lerch, Leiter des Laboratory of Urban Demography an der EPFL, gleich zu Beginn des Gesprächs fest. Um das aktuelle Stadtwachstum in den Ländern des Südens zu verstehen, benötigen wir laut dem Forscher bessere Instrumente. Für eine retrospektive Studie über die Stadt Zürich, die im Januar 2022 erschien, verfeinerte Mathias Lerch deshalb seine Methode, indem er dank der online verfügbaren statistischen Jahrbücher der Stadt bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zurückging. Eine Goldgrube an Informationen, die es ihm ermöglichte, in die Geschichte und den wirtschaftlichen Erfolg der noch immer grössten Schweizer Stadt einzutauchen.

Seine Forschung, die sich auf den Zeitraum von 1836 bis 1949 konzentrierte, brachte ihm einige Überraschungen. Durch die Untersuchung der Fertilitätsrate der Stadt, der Bevölkerungsbewegungen und der Nationalität der neuen Zürcher Einwohnerinnen und Einwohner stellte der Forscher fest, dass die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau in der Stadt bereits im 19. Jahrhundert niedrig war und eine natürliche Erneuerung der Bevölkerung verhinderte. Es war deshalb der Migration zu verdanken, dass die Stadt zu dieser Zeit demografisch wuchs, und nicht dem Überschuss der Geburten über die Sterbefälle - also dem natürlichen Wachstum.

Die Stadt hingegen war nicht nur protestantisch, sondern galt auch als unhygienisch, mit schwierigen Arbeitsbedingungen und war daher nicht attraktiv.

Mathias Lerch, Direktor, Laboratory of Urban Demography, EPFL

Die Landflucht nach Zürich war jedoch geringer als erwartet. «Zwischen 1850 und dem Ende des 19. Jahrhunderts zeigen die Archive, dass die Schweizer Bauern, die ihr Land verlassen mussten, damals eher in die Neue Welt als in die Schweizer Städte zogen», erklärte Mathias Lerch. Ein Phänomen, für das der Forscher eine ganz einfache Erklärung hat: «Diese Familien aus den Kantonen, die an Zürich grenzen, wollten den Bauernstand weiterführen und waren oft katholisch. Die Stadt hingegen war nicht nur protestantisch, sondern galt auch als unhygienisch, mit schwierigen Arbeitsbedingungen und war daher nicht attraktiv für sie.»

Facharbeiterinnen und Facharbeiter sowie Flüchtlinge
Die internationale Einwanderung glich also bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die Lücke im natürlichen Stadtwachstum und den Verlust potenzieller Landmigrantinnen und -migranten, die sich in die Neue Welt umorientierten, aus. Es handelte sich dabei um Neuankömmlinge mit ganz unterschiedlichem Hintergrund, wie Mathias Lerch ausführlich erläuterte: «Wir sahen die Ankunft von Facharbeiterinnen und -arbeitern aus Süddeutschland, deren Fähigkeiten in ihrer Region durch Maschinen ersetzt worden waren, die aber in der Schweiz, die gerade erst mit der Industrialisierung begonnen hatte, sehr begehrt waren. Es gab auch viele französische Revolutionäre, die vor der Restauration flohen.»

Das Gesamtwachstum der Stadt blieb vor 1850 begrenzt, betrug danach jedoch über 2 % pro Jahr. Es erreichte um die Jahrhundertwende mit 8 % einen Höhepunkt, der grösstenteils auf die internationale Migration zurückzuführen war, wobei italienische Arbeitskräfte teilweise die deutschen Arbeiterinnen und Arbeiter ersetzten. So machten Schweizer Bürgerinnen und Bürger 1836 89 % der Bevölkerung Zürichs aus, während es 1888 nur noch 78 % waren.

Der Paradeplatz in Zürich im Jahr 1946. © Macher Ludwig

Die Alphabetisierung der Bevölkerung, die ab 1874 obligatorisch wurde, die Säkularisierung der Gesellschaft und die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Städten (öffentliche Beleuchtung, Freizeit, sanitäre Einrichtungen, Hygiene) veränderten im 20. Jahrhundert auch für die Schweizerinnen und Schweizer die Situation. Hinzu kamen die in den USA geltenden Migrationsbeschränkungen. Schweizerinnen und Schweizer, die ihr Land nicht mehr bewirtschaften konnten, wandten sich daraufhin nach Zürich, was einen Höhepunkt des Zustroms in den 1920er Jahren zur Folge hatte. Die internationale Einwanderung ihrerseits versiegte mit der Entstehung der Nationalstaaten, der Einführung von Reisepässen in Europa und den beiden Weltkriegen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte erneut einen Zustrom von Arbeiterinnen und Arbeitern aus dem Ausland, die der Stadt Zürich zu wirtschaftlichem Wachstum verhalf.

Von Zürich nach Addis-Abeba
«Wenn man weiss, wie eine Stadt wächst, weiss man auch, wie man ihre Entwicklung planen oder wie viele Schulen und Infrastrukturen gebaut werden müssen», erinnerte der Demograf. Für die Städte von Subsahara-Afrika erwartet der Forscher ein ähnliches Schicksal wie Zürich. «In Addis-Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, sank die Fruchtbarkeitsrate rasch auf zwei Kinder pro Frau. Langfristig werden, wie Zürich, auch diese Städte von der Migration abhängig sein, um ihre Bevölkerung zu erneuern.»


Autor: Sandrine Perroud

Source: EPFL

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