Nachhaltigkeit für alle ab Beginn des Studiums

Workshop während der Pilotversion der neuen Pflichtveranstaltung über Nachhaltigkeit. © EPFL/Alain Herzog - CC-BY-SA 4.0
Ab dem Studienjahr 2024 müssen alle Studentinnen und Studenten der EPFL im ersten Studienjahr neu eine Pflichtveranstaltung über Nachhaltigkeit belegen. Sie findet erstmals im Frühlingssemester statt. Parallel dazu beginnt im Herbst der Master-Kurs «Vermittlung von Nachhaltigkeit in der Bildung». Sie bietet die Möglichkeit, im eigenen Massstab eine konkrete und unmittelbare Wirkung zu erzielen.
Der Begriff ist inzwischen nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken. So kommen Ingenieurinnen und Ingenieure, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Architektinnen und Architekten nicht umhin, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit und den damit verbundenen Herausforderungen auseinanderzusetzen. Aber was beinhaltet dieses Konzept eigentlich? Wie kann es definiert und vor allem umgesetzt werden? Um Studentinnen und Studenten eine gemeinsame Wissensgrundlage zu vermitteln, führt die EPFL ab 2024 eine Pflichtveranstaltung über Nachhaltigkeit für das erste Studienjahr ein. Die Veranstaltung ist in den Lehrplan der Geistes- und Sozialwissenschaften integriert. «Um die Welt, in der wir leben, zu begreifen, müssen wir das Konzept der Nachhaltigkeit verstehen und die Fähigkeit zu systemischem und kritischem Denken entwickeln – das ist einfach unerlässlich», sagt Siroune Der Sarkissian, Projektleiterin für Nachhaltigkeitsbildung und Koordinatorin der neuen Veranstaltung. «Im Frühling 2024 haben wir eine Pilotveranstaltung durchgeführt und dabei festgestellt, dass der Wissenstand der Studentinnen und Studenten sehr unterschiedlich ist. Wir haben nicht die Zeit, alle Aspekte der Nachhaltigkeit ausführlich zu behandeln, aber wir wollen eine Saat säen, die später aufgehen wird.»
Die Lehrveranstaltung wird von der Abteilung für Umweltwissenschaften und -technik der EPFL durchgeführt und untersteht der wissenschaftlichen Aufsicht des Professors und Glaziologen Jérôme Chappellaz. Im Frühling 2024 wurde der Stoff, der 2025 gelehrt wird, anhand der Pilotversion verfeinert, damit alle Wissensbedürfnisse befriedigt werden. Neben der Klimakrise, den planetaren Belastbarkeitsgrenzen und der Donut-Theorie wird beispielsweise den verschiedenen Handlungsmöglichkeiten – technologisch, politisch, wirtschaftlich und sozial – mehr Gewicht beigemessen. «Wir wollen die Studentinnen und Studenten dazu bringen, über den Tellerrand ihrer Fachgebiete hinauszuschauen, das Gesamtbild zu betrachten und den Blick nach aussen zu richten», erklärt Siroune Der Sarkissian. Rund zehn Referentinnen und Referenten führen im Laufe der Wochen durch die einzelnen Themen. Der theoretische Teil wird jeweils durch einen praktischen Workshop ergänzt – eine echte Herausforderung, da rund 2 300 Studentinnen und Studenten an der Veranstaltung teilnehmen werden.
Wir wollen die Studentinnen und Studenten dazu bringen, über den Tellerrand ihrer Fachgebiete hinauszuschauen, das Gesamtbild zu betrachten und den Blick nach aussen zu richten.
Konkretes Handeln für Nachhaltigkeit
Studentische Hilfskräfte unterstützen bei der Durchführung des praktischen Teils in Form von Gruppenarbeit. Ihnen zur Seite stehen sogenannte «Facilitators» – Studentinnen und Studenten, die den neuen Master-Kurs «Vermittlung von Nachhaltigkeit in der Bildung» in den Geistes- und Sozialwissenschaften absolviert haben. Dieser Kurs wurde erstmals im Herbstsemester 2024 angeboten und ist insbesondere darauf ausgelegt, transversale Kompetenzen wie aktives Zuhören, Zusammenarbeit und systemisches Denken zur Lösung komplexer Probleme zu fördern. «Nach Abschluss dieses Kurses können alle, die etwas für die Nachhaltigkeit tun wollen, eine konkrete Wirkung erzielen, indem sie zur Ausbildung von Studentinnen und Studenten im ersten Studienjahr beitragen. Gleichzeitig entwickeln sie nützliche Kompetenzen für ihre spätere berufliche Laufbahn, etwa die Fähigkeit, andere Personen zu betreuen. Zudem erwerben sie Kenntnisse darüber, wie man lernt und Lernmöglichkeiten schafft», sagt Tamara Milosevic, Leiterin des Zentrums für transversale und berufliche Kompetenzen (CCTC). Sie hat die neue Lehrveranstaltung gemeinsam mit Helena Kovacs, Projektleiterin am CCTC, und Augustin Fragnière, Lehrbeauftragter in den Geistes- und Sozialwissenschaften, entwickelt.
Abkehr vom Prinzip «Technologie um jeden Preis»
Studentinnen und Studenten, die Nachhaltigkeit in die Praxis umsetzen möchten, können auch das Master-Kursprojekt «Design for Sustainability» in den Geistes- und Sozialwissenschaften wählen. Bei diesem Projekt arbeiten Mitglieder der EPFL und der Kantonalen Kunstschule Lausanne (ECAL) mit dem Ziel zusammen, ein Produkt oder System zu entwickeln, das Design, wirtschaftliche Tragfähigkeit und Nachhaltigkeit verbindet. «Wir sprechen uns für einen sparsamen Einsatz von Technologie aus, denn Lösungen mit hohem Technologiegehalt haben häufig auch hohe Umweltauswirkungen. Eines darf man nicht vergessen: Das umweltfreundlichste Produkt ist das, das es gar nicht gibt. Einfache und effiziente Lösungen zu entwickeln ist oft die schwierigere, aber auch elegantere Ingenieurleistung», betont Michka Mélo, Nachhaltigkeitscoach an der EPFL. Er lehrt in diesem Projekt neben Marc Laperrouza, Forscher am Collège des humanités, Marius Conti, Designer und Programmleiter bei EPFL Future Leaders und Margo Clavier, Assistentin beim Bachelor Industriedesign an der ECAL.
Wir sprechen uns für einen sparsamen Einsatz von Technologie aus, denn Lösungen mit hohem Technologiegehalt haben häufig auch hohe Umweltauswirkungen. Eines darf man nicht vergessen: Das umweltfreundlichste Produkt ist das, das es gar nicht gibt. Einfache und effiziente Lösungen zu entwickeln ist oft die schwierigere, aber auch elegantere Ingenieurleistung.
«Dieser Kurs hat mir sehr viel Arbeit abverlangt, aber er hat mir auch sehr viel gebracht. Vor allem habe ich gelernt, verschiedene Lösungsansätze für ein Problem zu finden», erzählt Charlotte Daumal aus dem Masterstudiengang Life Sciences Engineering an der EPFL. Zusammen mit ihrer Gruppe hat sie sich mit der Problematik von Mikroplastik in Kompost beschäftigt, die durch Verpackungen von unverkauften Supermarktprodukten verursacht wird. «Anfangs war die Zusammenarbeit etwas schwierig, denn wir kamen aus verschiedenen Fachgebieten und hatten eine ganz unterschiedliche Herangehensweise an Probleme. Nach und nach haben wir verstanden, wie jede einzelne von uns denkt, und es ist uns gelungen, eine gemeinsame Sprache zu finden. Ich habe auch gelernt, resilienter zu werden, denn manchmal haben wir uns für eine Lösung entschieden, die dann nicht funktionierte. In solchen Fällen muss man einen anderen Ansatzpunkt finden.»
Wichtig ist, sich über die Grenzen des eigenen Fachgebiets hinauszuwagen, um Probleme ganzheitlich anzugehen – beim Thema Nachhaltigkeit ein Muss. «Für Ingenieurinnen und Ingenieure ist es oft leichter, sich auf die technische Dimension zu konzentrieren, aber wir wollen eine andere Denkweise vermitteln. Es ist ein anspruchsvoller Kurs, natürlich gibt es auch Reibungen, aber das ist für die weitere berufliche Laufbahn auch notwendig», bemerkt Marc Laperrouza. Dieses Ziel steht auch im Mittelpunkt der neuen Pflichtveranstaltung zum Thema Nachhaltigkeit. «Nachhaltigkeitsfragen betreffen die Werte jeder und jedes Einzelnen. Der Beginn des Studiums ist der richtige Zeitpunkt, um solche Überlegungen anzustellen und über die eigene persönliche und berufliche Identität nachzudenken», hält Siroune Der Sarkissian fest.